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Reinhard Mey auf Tournee 2017/18 – so war es in Oberhausen

22. Oktober 2017

Tourneezeit von Reinhard Mey 2017: Die kleinste Band der Welt steht wieder auf den Bühnen des Landes. Eine Gitarre, ein Mikrofon und etwas Licht, mehr braucht dieser Mann nicht. Alles scheint wie immer, nur einigen Hallen sind in diesem Jahr etwas größer geworden.

Reinhard Mey in Oberhausen
Reinhard Mey in Oberhausen

Punkt 20:00 Uhr betritt ein nicht alternder Mann eine riesige Bühne in Oberhausen, in einer noch größeren Halle. Natürlich ist nichts wie immer und das merkt man auch in den Gesprächen vor dem Konzert. Viel Privates aus seinem Leben, wie man es bei anderen Künstlern gar nicht besprechen würde. Oder eben auch nicht kann. Weil man durch seine Lieder aber immer ein Stück näher dran war, nehmen einen diese Themen – eigentlich nur ein sehr konkreten Thema – dann doch mehr mit. Doch in diesem Moment, in dem er die erste Saite zupft, ist alles wie in jedem anderen Jahr und es scheint, als hätte er die Bühne nie verlassen.

Reinhard Mey wird politisch ruhiger

Lore Lorenz singt in einem Lied „Die Wut ist jung“. Wenn es danach geht, müsste Reinhard Mey noch in der Wiege liegen. Politisch ist er zwar leiser, aber nicht zurückhaltender oder weniger nachdenklich. Die lauteste und plakativste Aussage des Abends ist sicherlich „Und die beiden größten Clowns spielen mit Atomwaffen“, neben vielen versteckten Zeilen über Feminismus, Gehaltsungleichheit oder allgemeine Kritik an der Politik. Natürlich spielt Reinhard Mey vor Leuten, die es eh schon wissen und eine pazifistische, menschliche Ansicht teilen. Trotzdem hätte mich eine laute Botschaft zu unserer Flüchtlingsproblematik gefreut. Leise spricht er es an, mit seinen Liedern, in denen er für offene Türen wirbt.

Das Konzert in der Arena Oberhausen

Man könnte in der König Pilsener Arena eine Stecknadel fallen hören – und man tut es auch. Denn natürlich verfügen diese größeren Hallen auch über Business-Suits, in denen wärend des Konzerts gegessen wird. Der daraus resultierende Geräuschpegel bleibt die einzig negative Anmerkung an diesen Abend.

Reinhard Mey spielt vor 6.000 Freunden
Reinhard Mey spielt vor 6.000 Freunden

„Mr. Lee“ ist der Name der Tour und seiner aktuellen Platte. Gemeint ist sein verstorbener Sohn Maximilian, der sich immer wieder in Südostasien aufhielt. Dort machte er sich schnell Freunde und bekam diesen Spitznamen, konstruiert aus den letzten Buchstaben seines Vornamens – von Kindern allerdings „der weiße Elefant“ genannt. Und so folgt Reinhard Mey seinem Sohn erst auf dessen Spuren durch das Land, was er in diesem Titellied aufgreift.

Es ist eine wunderbar unironische und offene Zeit. Als zweites Lied spielte er „So viele Sommer“ (Video siehe auf Youtube) mit der Zeile „Alle guten Dinge müssen enden“. Nach diesem Lied hat jeder Zuschauer ein Taschentuch in der Hand und fragt sich: „Wie macht dieser Kerl das eigentlich?“. Kurz darauf erzählt er von dem Restaurant, in dem seine Söhne in ihrer Selbstfindungsphase kellnerten. Nach dem Satz „das Restaurant gibt es noch immer“, macht er eine lange Pause, in dem nur ein Gedanke über dem Saal schwebt. Als er danach noch berichtet, wie oft er dort für ein paar Gläser Wein einkehrt, um bei ihnen zu sein, möchte man ihn nur noch in den Arm nehmen und den restlichen Saal gleich mit.

Fazit zur Reinhard Mey Tournee 2017/18

Das Konzert handelt davon, wie es früher war und wie es heute ist. Am Ende bleibt ein sehr emotionaler Abend, an dem es viele Momente gibt, wo der Zuhörer bei sich ist und das gerade gehörte reflektiert. Und natürlich eine große Werbeveranstaltung für Liebe, Wein und Menschlichkeit.

So endet ein Abend mit Standing Ovations für einen Liedermacher, der seine Geschichte erzählt und es versteht die Zuschauer mit leisen Tönen statt mit großer Bühnenshow mitzunehmen. So bleibt nur zu hoffen, dass die nächste Tournee weiter so verlässlich wie die Jahreszeiten kommen und wir uns alle in drei Jahren gesund wiedersehen werden, um dem jugendlichen Mann mit der Gitarre Geschichten aus seinem Leben zuzuhören.

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